Abschied nehmen

4. November 2018 - 9:00
Die wichtigsten Unterlagen, Vorlagen, Muster für Vollmachten im Leben. pdf Datei für die Notfallmappe im aktuellen Blogpost.

Heute widme ich mich einem Thema, dass man viel zu oft lieber verdrängt, als einen Blick draufzuwerfen. Wobei, ein Blick reicht bei diesem Thema wohl eher nicht aus. Schließlich ist es Lebensverändernd. Ich selbst gehörte auch lange zu denen, die sich kaum einen Kopf darum gemacht haben…was sich jedoch durch meine Erlebnisse in den letzten Monaten stark geändert hat.

Deshalb widme ich meinen heutigen Blogpost dem Tod. Ok, um es weniger dramatisch klingen zu lassen: einem Lebensumstand, bei dem man nicht (mehr) in der Lage ist, seine Wünsche und Vorstellungen mitzuteilen. Was auch passieren kann, wenn man „nur“ im Koma liegt.

Was auch immer der Grund sein wird, Fakt ist, dass wir uns alle früher oder später von dieser Welt verabschieden werden. Das man irgendwann für immer geht, können wir (noch) nicht ändern. Jedoch, dass wir es für unsere Hinterbliebenen zumindest Ablauf- und Behördentechnisch einfacher gestalten, schon.

Das heißt, dass ihr euch bereits zu Lebzeiten Gedanken macht. Zum Beispiel darüber:

  • Wer soll über mich, meine Behandlungen und Finanzen entscheiden, wenn ich mal z.B. im Koma oder nicht mehr bin?
  • Wer soll sich ggf. um die Wohnungsauflösung kümmern?
  • Wie und wo möchte ich beerdigt werden?
  • Wem vertraue ich den Zugang zu meinen E-Mails, Social Media – Kanälen & Co. an? Und wie soll in Zukunft damit verfahren werden?

 

Als ich mich vor einigen Monaten mit all dem Unterlagen auseinandersetzen musste, wusste ich nicht, dass wir in Bayern so großartige Notfallmappen haben. Falls ihr nicht in Bayern wohnt oder und schon mal einen Blick draufwerfen wollt – hier ein Muster von der Notfallmappe als pdf. So könnt ihr es auch für euren persönlichen Gebrauch runterladen und nutzen:

Notfallmappe zum Download

 

Ich musste in der ersten Jahreshälfte zwei unterschiedliche Erfahrungen machen.
Wie es ist,

  • wenn man die nötigen Vollmachten bekommt, während der Vollmachtgeber noch beim vollen Bewusstsein ist und
  • wie man vorgehen muss, wenn der Vollmachtgeber im Koma liegt und nicht selbst bestimmen kann.

Zeitgleich – jedoch losgelöst von der Krebserkrankung von meinem Onkel – ist nämlich mein Vater unerwartet ins Koma gefallen. Er wurde vom Notarzt mit dem Hubschrauber ins Krankenhaus eingeflogen. Zunächst wusste niemand, wie seine Überlebenschancen stehen. Da der Notarzt meine Daten dabei hatte, waren die Erstgespräche mit den Ärzten relativ einfach und lediglich mit Wartezeiten im Krankenhaus verbunden. In der zweiten Woche sah das Ganze dann schon etwas anders aus. Während das Krankenhaus von mir verlangte, dass mein Vater offiziell angemeldet wird, wollte eine Ärztin von mir wissen, ob ich die Betreuerin bin, da ich ansonsten weder in sein Zimmer, noch über sein Gesundheitszustand informiert werden dürfte. Das alles, während sich mein Vater noch im Koma befand. Die Ärztin machte ziemlich deutlich, dass wenn ich nichts offizielles in der Hand haben würde, dass ich im Grunde auch nicht mehr kommen bräuchte. Weder andere Familienmitglieder, noch ich ein Besuchsrecht hätten, noch über den weiteren Verlauf der Behandlung und ggf. Lebenserhaltenden Maßnahmen entscheiden dürften. Nun, über den Umweg des Amtsgerichtes wurde ich zum offiziellen Betreuer ernannt. Durch die Unterstützung vom Krankenhaus und den behandelnden Ärzten, sowie einer Beamtin, die die Umstände gut nachvollziehen konnte, haben wir dann letztendlich auch diesen Weg gemeistert.

Der bürokratisch weniger aufwendige war jedoch der, die Vollmachten wie bei meinem Onkel bereits in den Händen zu haben. Und glaubt mir, wenn ihr in einer solchen Ausnahmesituation seid, dann ist jede Vorkehrung eine enorme Erleichterung…deshalb: kümmert euch um eure Unterlagen! Nur so könnt ihr Klarheit und Erleichterung für alle Beteiligten schaffen.

Man kann die Trauer der Hinterbliebenen nicht reduzieren, jedoch kann man die Hinterbliebenen dadurch unterstützen, einfacher durch alle anfallenden Behördengänge zu kommen. Zudem ist es für Angehörige auch ein unheimlich beruhigendes Gefühl zu wissen, dass man im Interesse des Vollmachtgebers gehandelt hat. Zumindest ging es mir so.

Deshalb gibt es diese Notfallmappe mittlerweile für jeden aus unserer Familie.
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Gut zu Wissen

Ich habe während der Palliativzeit meines Onkels ziemlich viel Hilfe vom Palliativteam des Krankenhauses bekommen, worüber ich mehr als dankbar war und noch immer bin. Ich habe unter anderem auch Hilfe bei den Vollmachten erhalten, da ich selbst trotz Vorlage manche Punkte nicht bedacht hatte. Hier die Punkte, die auch für euch wertvoll sein können:

1. Meistens tragen Eheleute sich gegenseitig als Vollmachtnehmer ein. Das ist zwar nachvollziehbar, macht jedoch nur bedingt Sinn.

Ehepaare sind meist gemeinsam unterwegs. Wenn etwas passiert, kann es sein, dass beide jemanden brauchen, der sie vertritt. Also hier am besten noch einer dritten Vertrauensperson eine Vollmacht erteilen.

Ehepaare haben in der Regel ein ähnliches Alter. Wenn man also im hohen Alter eine Vertretung braucht, ist in der Regel der Partner selten in einer gesundheitlichen Verfassung, um sämtliche anfallenden Behördengänge & Co. zu erledigen. Auch hier wird angeraten, dass eine dritte – jüngere Person eine Vollmacht erhält.

 

2. Dieser Punkt betrifft vor allem alle, die nicht bzw. kaum der Deutschen Sprache mächtig sind. Vollmachten sollten die Personen besitzen, die so gut Deutsch können, sodass sie unter Umständen auch vor Gericht und bei Behörden die Interessen der erkrankten Person / Vollmachtgebers vertreten können.

 

3. In der Notfallmappe ist auch der Punkt „Finanzen“ enthalten. Ganz wichtig: die Person, die sich um eure Finanzen kümmern soll, braucht eine Vollmacht, welche von eurer Bank ausgestellt ist. Es gibt Formulare im Netz, die zwar ganz nett sind – rechtlich auf der sicheren Seite seid ihr jedoch mit der direkten Vollmacht, welche von der Bank ausgestellt ist.

 

4. Seid offen, ehrlich und klar in dem was ihr wollt und was nicht. Nur so können eure Wünsche beachtet und erfüllt werden. Vollkommen gleich von wem.

 

5. Wenn ihr die Punkte der Notfallmappe durchgeht, dann habt ihr wirklich an vieles gedacht. Ich persönlich habe in meiner Mappe noch sämtliche Passwörter und digitale Konten wie Social Media, Blog, Profile auf Business Plattformen usw. notiert inklusive dem Vermerk, was damit passieren soll. Wer seine Passwörter noch nicht gleich preisgeben will, kann diese z.B. auch auf einen Stick hinterlegen und den Ort dafür in der Notfallmappe notieren.

6. Es ist für alle Beteiligten eine große Hilfe, wenn alle relevanten Unterlagen inklusive der Notfallmappe sich an einem Ort bzw. in einem Ordner befinden.
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Und dann noch…

SAPV Team / Palliativteam

Ein möglicher Punkt im Sterbeprozess ist auch, zu entscheiden wo und wie man seine letzten Tage verbringen möchte. Also soweit es der gesundheitliche Zustand es zulässt und man es entsprechend entscheiden kann. Mein Onkel hat sich dazu entschieden, seine Zeit Zuhause zu verbringen und verfügt, unter keinen Umständen ins Krankenhaus zurück zu kommen. Begleitet wurden wir hier durch das großartige SAPV Team – dem mobilen Palliativteam des Krankenhauses.

Das Team hat keinerlei lebenserhaltende Maßnahmen ergriffen, jedoch den Sterbeprozess so leicht und schmerzfrei wie möglich gestaltet. Neben der Medikation, haben wir durch das Team auch sehr viel seelische Unterstützung erhalten. Ergänzend zu der großen Hilfe, was die bürokratischen Abläufe und die persönlichen Herausforderungen betroffen haben.

Das Team steht dem Sterbenden und seinen Angehörigen 24 Stunden an 7 Tagen zur Verfügung. Bekommt durch die Krankenkasse einen einmaligen Zuschuss und finanziert sich ansonsten durch Spenden. Was das Ganze für Familien leichter und auch für finanziell schwächere Familien möglich macht.

Ich kann gar nicht in Worte fassen, wie wertvoll die Arbeiten von Palliativmedizinern und -mitarbeitern ist.

www.klinikum.uni-muenchen.de/Palliativmedizin
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Wünschewagen

So hat das Team z.B. auch den Kontakt zum Wünschewagen hergestellt.

Ich wollte noch einen letzten Wunsch für mein Onkel erfüllen und die Mitarbeiterin vom Wünschwagen war auch unglaublich hilfsbereit. Leider ist mein Onkel einige Tage vor unserem geplanten Ausflug verstorben. Vielleicht kommt der Wünschewagen jedoch für euch noch rechtzeitig? Ansonsten freut sich auch der Wünschewagen über Spenden, um weiterhin die letzten Wünsche von Sterbenden erfüllen zu können.

wuenschewagen.de
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Abschließend sei noch ewähnt, dass ihr keine Panik haben müsst, wenn sich später rausstellen sollte, dass irgendwelche Unterlagen fehlen. Es lässt sich alles noch nachträglich organisieren. Man muss ggf. lediglich den Weg über Gerichte in Kauf nehmen und das es entsprechend länger dauert.

Ich hoffe, dass dieser Beitrag hilfreich für euch ist und wenn ihr denkt, dass das auch etwas für eure Familie, Freunde und Mitmenschen ist, dann fühlt euch frei und teilt diesen Blogpost. Und wenn ihr noch Fragen habt, dann hinterlasst mir diese bitte hier im Kommentarfeld.

Und wenn ihr euch fragt, wie man ein Gespräch über den Tod beginnt...ich habe diesen Artikel hier gefunden:
4 steps to starting the life-and-death talk we all need to have

Er ist zwar auf Englisch, jedoch sehr einfach zu lesen und vor allem auch sehr hilfreich.

Cheers,
Beyhan

 

PS: es gibt eine zentrale Stelle, wo man z.B. seine Patientenverfügung hinterlegen lassen kann. Die Vor- und Nachteile davon könnt ihr hier nachlesen
Vollmachten und Patientenverfügung hinterlegen - auf was muss ich dabei achten?

 

PPS: ich schreibe hier von meinem Onkel, weil wir ihn seit unserer Kindheit so nennen. Eine Blutsverwandtschaft besteht jedoch keine...

Kommentare

Kein leichtes Thema, das da zu unser aller Leben gehört. Um so schöner, dass und wie du es aufgenommen hast liebe Beyhan. So wertvolle Tipps! Ich sag heut einfach mal DANKE. Für diesen und so viele andere schöne Blog-Beiträge. Schön, dass es dich gibt. Schön, dass du blogst. Deine Carola

Ganz lieben Dank für jedes deiner Worte, liebe Carola ❤️

TAGS: Life    |    
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