Post von Karlheinz

4. Mai 2018 - 19:00
Wie reagiert man am besten gegen Rassismus? Das Buch "Post von Karlheinz" rüttelt auf und zeigt den leider traurigen Alltag, denen man zeitweise in Deutschland ausgesetzt ist. Meine Leseempfehlung auf dem Blog!

Ich habe Post bekommen. Nichts ungewöhnliches und in dem Fall auch erwartet. Denn schließlich stand ich kurz vorher mit dem Absender in Kontakt.

Somit habe ich stellvertretend für Hasnain Kazim Post vom Penguin Verlag bekommen. Darin enthalten war „Post von Karlheinz“. Hassmails und deren Antworten verpackt in einem Taschenbuch.

Normalerweise bin ich immer jemand der sagt „Hass bringt einem rein gar nichts – im Gegenteil. Man macht sich selbst mehr kaputt als sein Gegenüber.“ und deshalb distanziere ich mich auch so gut wie möglich von Menschen mit solchen Gefühlen…in dem Fall war und ist es anders.

Es ging mir darum zu erfahren, wie Hasnain damit umgeht. Schließlich ist es ein Thema, was mich auch persönlich – häufiger indirekt und zum Glück selten direkt betrifft. Der Hass in Verbindung mit Rassismus.

Als jemand, die in Deutschland – genau genommen in Niederbayern geboren und in Oberbayern aufgewachsen ist [Ja, hier gibt es wirklich einen Unterschied. Glaubt mir.]. Mit Wurzeln in der Türkei lebenden Minderheit in einer Minderheit. Dazu einer Mutter, die man als weltoffen bezeichnen kann. Deshalb bin ich auch besser über die katholische Religion, als über den Islam informiert und führe ein Leben ohne Religion. Ob ich verbundener mit den bayerischen Traditionen bin oder dem meiner Eltern? Nun, sagen wir mal so, ich esse Brezn mindestens genauso gerne wie das Baklava meiner Anni. Und meine Sicht auf die Dinge ist nicht „entweder oder“, sondern „alles weitere ist eine Bereicherung zu dem, was ich bereits habe“ und wenn man im inneren – also für sich – weiß, wer und was man ist, dann braucht man diese Zuordnung nicht. Zumindest kann ich darauf verzichten. Das andere trotzdem versuchen dich in eine Schublade zu stecken, ist natürlich eine andere und vor allem deren Sache.

Als das Buch kam, war ich ganz aufgeregt. Mir wurde erst dann so richtig bewusst, wie wichtig mir das Thema ist. Schließlich ist es ein Thema, was ich – Gott oder wem auch immer sei Dank! – nicht in dem Ausmaß zu spüren bekomme, wie Hasnain und dennoch eines ist, welches mich immer wieder beschäftigt.

Welchem Rahmen gibt man den Bildern? Was wird diesem Buch und dem Thema gerecht? Nach reiflicher Überlegung und einer Kombination „draussen sitzen, lesen und die Wärme genießen wäre eine gute Idee“, habe ich mich in den Garten meiner Anni begeben. Schließlich ist sie ja auch maßgeblich daran beteiligt, dass ich so bin wie ich bin. Dazu noch ein Tee mit arabischer Minze – ebenfalls aus dem Garten. Zunächst fand ich das mit dem Tee noch eine witzige Idee, als ich das Buch zum Lesen begann, dann jedoch auch eine Wohltat. Ein, zwei, drei Schluck Tee trinken zu können und dabei die Worte sacken zu lassen.

Ich habe ziemlich bald angefangen mir Stellen zu markieren, damit ich später hier auf dem Blogpost darauf hinweisen kann. Gedankenstützen und wichtige Hinweise. Aussagen denen ich zustimme, selber immer wieder von mir gebe und Gedanken, die ich für mich selbst mitnehmen will.

Wie wichtig ich das Thema finde kann man daran erkenne, dass ich meine restliche Arbeit liegen gelassen und das Buch tatsächlich innerhalb eines Tages durchgelesen und aufgenommen habe. Ein Buch, welches sehr gehaltvoll geschrieben und dennoch leicht zu lesen ist. Also leicht im Sinne, vom Sprachbild. Leicht zu verstehen? Für mich leider ja. Ich weiß genau, worüber geschrieben wird. Die Absender der Mails, Briefe und „Botschaften“ verstehe ich dennoch nicht. Angst hin oder her, für solch tief sitzenden Hass gibt es keine Entschuldigung.

 

____________
 

Bevor du sprichst, lasse deine Worte durch drei Tore schreiten. Beim ersten Tor frage: „Sind sie wahr?“ Am zweiten frage: „Sind sie notwendig?“ Am dritten Tor frage: „Sind sie freundlich?“

Rumi, 1207 - 1273

____________

 

An manchen Stellen musste ich über die Antworten von Hasnain lachen, an anderen Stellen über die „Intelligenz“ der anderen Seite. Und meistens lande ich immer wieder beim gleichen Gedanken „was stimmt nur mit diesen Menschen nicht? …woher kommt dieser ganze Hass?" Während ich das Buch las, fuhren meine Gefühle und Gedanken Achterbahn. Von Lachen, über Unverständnis bis hin zu tiefster Enttäuschung darüber, wie Menschen sein können. Und vollster Bewunderung über die Art und Weise, dass Hasnain das „Wort“ als seine Waffe nutzt. Und dass kann er sehr gut! Mit Wortwitz, unglaublichem Wissen und Intelligenz, verbunden mit einem zeitweise sehr langem Atem. Denn die Hassmails kommen nicht nur von einem Lager. Er wird auch von RTE-Anhängern beglückt. Ich erkenne meine eigene Situation wieder, nur mit dem langem Atem und Wortwitz ist vermutlich bei mir noch ausbaufähig. Meistens ignoriere ich mittlerweile diese Aussagen in den sozialen Medien.

Den Hass von Deutschen bekomme ich persönlich nur selten ab, meist kommt ein „dich meinen wir ja nicht“ – ein Satz, den sie sich in die Haare schmieren können, sofern sie überhaupt noch welche haben. Einmal hat es mich jedoch direkt und unvermittelt getroffen. Ich war in München im Gärtnerplatzviertel unterwegs. Eine Konfrontation in meinem München und das im Künstlerviertel – dem vermutlich weltoffenstem Viertel in ganz München. Da wurde mir das erste Mal bewusst, wie ungeniert diese Menschen ihren Hass versprühen. Also nicht nur beim Stammtisch unter sich, sondern direkt. Und es hatte ausgereicht, dass ich die Straße entlang ging. Mehr hat es zu dem anschließenden Treffen nicht gebraucht. Es gibt Augenblicke, da wünsche ich mir, einfach mal eine Sekunde länger nachzudenken, bevor ich mich äußere und dann gibt es solche Momente wie diese, wo ich über meine schnelle und auch schlagfertige Reaktion sehr froh bin.

Sie – eine 80 / 90 jährige – hatte ganz klar weder damit gerechnet, dass ich mich trauen würde, einer „alten Frau“ gegenüber mich zu äußern, dann auch noch im einwandfreien fehlerfreien bayerischen Akzent (was sie ja total aus der Fassung gebracht hat) und dann auch noch in einer Lautstärke, die genug Aufmerksamkeit auf sich zog, ohne dass ich schreien musste. Meine Wortwahl und Aussagen haben ihr dann den Rest gegeben. Zum Schluss murmelte sie dann nur noch etwas mit „…sie hab ich nicht gemeint…“, nur wie gesagt, in die Haare schmieren und so. In ihrem Fall in ihre Perücke.

Später, als ich das Erlebnis meiner Familie erzählt hatte und auch die Frage in die Runde warf, was ich denn getan hatte, dass diese Person veranlasst hat, mich anzugreifen…kam von meiner Schwester die Aussage „nicht du wirst etwas getan haben, sondern diese Person hat dich gebraucht. Stell dir vor, sie hätte diese Worte jemand anderes an den Kopf geknallt. Wer weiß, ob und was die andere Person gesagt hätte…die andere hätte sich zum Schluss noch im Recht gefühlt.“ Und ja, ich glaube auch, dass genau dass das Thema war und ist. Nicht nur für sich, sondern auch stellvertretend für andere, die nicht so stark in der Wortwahl oder mit der Sprache sind, einzutreten. Klare Grenzen aufzuzeigen und deutlich zu machen, dass man sich auch gegen Rassismus wehren kann, soll und das auch macht.

Eine Zeitlang war ich ziemlich müde von diesem Thema, jedoch stimme ich der wichtigen Aussage im Buch zu „Wenn wir schweigen, beginnen wir, den Hass zu akzeptieren. Also, reden wir!“

Und wenn es etwas gibt, was ich sicherlich nicht akzeptieren werde, dann ist es Hass – vollkommen gleich, von welcher Seite er kommt.

Ein Thema, welches auch im Buch aufgegriffen wird ist, dass man vielleicht zu viel Rassismus sieht. Ja, auch ich finde, man darf nicht in alles eine Fremdenfeindlichkeit interpretieren, jedoch stimme ich Hasnain zu, dass man als Nicht-Betroffener / In-Das-Weltbild-Passende-Person einfach auch gewisse Stimmungen, Handlungen und Botschaften übersieht. Nicht mit Absicht, sondern einfach weil die menschliche Natur so ist.

Dieses Thema ist ein Faß ohne Boden. Noch. Ich freue mich auf den Tag, wenn wir diese Themen mit „weißt du noch? Damals…zum Glück ist das jetzt anders. Besser.“ anschneiden, wenn überhaupt noch daran denken. Und ja, diese Hoffnung habe ich wirklich.

Bis dahin empfehle ich euch das Buch von Hasnain Kazim „Post von Karlheinz – Wütende Mails von richtigen Deutschen und was ich ihnen antworte“ als Einblick in das Leben eines Betroffenen.

Einblick ins Buch findet ihr hier: POST VON KARLHEINZ

Ein Buch, welches keine Schuldgefühle wecken will, sondern wachrütteln – aufzeigen, was in der Gesellschaft sonst noch so alles passiert. Und zu wissen, was in der Welt passiert, ist denke ich nie verkehrt. Im Gegenteil.

Und wenn ihr mehr von Hasnain Kazim wissen wollt, dann könnt ihr ihm wie ich auch, auf Facebook folgen. Sein Profil findet ihr hier: Hasnain Kazim

IdS: #SpreadKindness #SpreadLove #StayOpenMinded

Cheers,

Beyhan

PS: ich bin mir nicht sicher, ob das hier als Werbung gekennzeichnet werden muss oder nicht…ich habe das Buch beim Verlag angefordert, weil ich es wollte und schreibe darüber, weil ich es will…der Rest ist wie immer euch überlassen ❤️

PPS: vielen lieben Dank an Hasnain Kazim für dieses Buch und an den Penguin Verlag für die Zusendung :-)

TAGS: Life Library    |    
TEILEN BEI:  |   |  Google+